Portrait Wiebke15

Mehr als drei Chromosomen

Was Wiebke Lieser und Oskar Sasse uns lehren

Der 21. März ist Welt-Down-Syndrom-Tag. Ein Datum, das bewusst gewählt ist: 21.3. – drei Mal das 21. Chromosom. Doch wer an diesem Tag nur auf Genetik schaut, verpasst das Entscheidende. Es geht nicht um ein Extra-Chromosom. Es geht um Menschen.

Um Menschen wie Wiebke Lieser. Wer ihr in der Rhein-Mosel-Werkstatt begegnet, merkt schnell: Hier arbeitet jemand mit Stolz. Wiebke weiß, was sie kann. Sie kennt ihre Aufgaben, sie kennt ihre Kolleginnen und Kollegen – und sie kennt ihren Wert. In der Werkstatt hat sie Freundschaften geschlossen, sie gehört dazu. Nicht als Projekt, nicht als Symbol, sondern als selbstverständlicher Teil eines Teams.

Ihre Eltern beschreiben sie als „unseren Sonnenschein“. Und sie meinen das nicht verklärt, sondern sehr konkret:

„Wiebke bringt eine Ehrlichkeit und Wärme mit, die ansteckt. Sie zeigt uns jeden Tag, wie wichtig echte Begegnung ist.“

Es ist diese Mischung aus Klarheit und Lebensfreude, die Menschen wie sie auszeichnet. Und die uns oft fehlt.

Auch Oskar Sasse steht für genau diese Haltung. Über ihn wurde im vergangenen Jahr im SWR berichtet – nicht, weil er Mitleid verdient, sondern weil er beeindruckt. Als sportlich engagierter, als jemand, der sich Herausforderungen stellt, der sichtbar ist und Haltung zeigt. In der RMW arbeitet er konzentriert und mit großem Verantwortungsgefühl. Und auch er ist stolz auf das, was er leistet.

Seine Eltern sagen: „Oskar geht mit einer Selbstverständlichkeit durchs Leben, die uns Demut lehrt. Er freut sich ehrlich, er ärgert sich ehrlich – und er ist immer ganz da.“

Der Welt-Down-Syndrom-Tag will ein Zeichen setzen. Doch in der Rhein-Mosel-Werkstatt geht es um mehr. Es geht um Alltag. Um Arbeit. Um Kollegialität. Um Freundschaften in der Pause. Um Verantwortung für Aufgaben. Um Anerkennung.

Menschen mit Down-Syndrom bringen etwas mit, das man nicht messen kann – eine Direktheit, eine emotionale Klarheit, eine Unmittelbarkeit. Sie filtern weniger. Sie sind weniger strategisch. Sie sind oft radikal ehrlich. Und genau darin liegt eine Stärke.

Wir sprechen gern davon, dass wir sie fördern. Vielleicht sollten wir öfter darüber sprechen, was sie uns geben.

Geduld. Präsenz. Echtes Interesse am Gegenüber. Die Fähigkeit, sich über kleine Dinge zu freuen, ohne Ironie, ohne Zynismus.

Menschen wie Wiebke Lieser und Oskar Sasse brauchen keinen Aktionstag, um sichtbar zu sein. Aber der 21. März erinnert uns daran, genauer hinzusehen. Nicht auf Defizite. Sondern auf Potenziale. Nicht auf Unterschiede. Sondern auf Bereicherung.

Inklusion bedeutet nicht, jemanden mitzunehmen.
Inklusion bedeutet zu begreifen, dass wir ohne sie unvollständig sind.

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